Jetzt oder nie: Handeln für automatisierte Mobilität
Zwei Tage. Zwei Formate. Eine gemeinsame Linie. In Linz zeigte sich Ende März, wie ernst es Österreich mit automatisierter Mobilität meint. Beim SAAM Austria Meeting traf sich die Community, die nicht mehr diskutieren will, ob automatisiertes Fahren kommt, sondern wie es auf die Straße kommt. Das auto.Ready Symposium lieferte den Auftakt. 60 Teilnehmende aus Verwaltung, Industrie und Forschung hatten eine klare Botschaft: Abwarten ist keine Option. Der Automobil-Cluster der oberösterreichischen Standortagentur Business Upper Austria richtete die Veranstaltungen mit SAAM Austria und dem auto.Ready Konsortium aus.
Das auto.Ready Symposium am ersten Tag machte klar: Die öffentliche Hand gibt den Takt vor. Im Fokus standen Fragen wie: Wie bewertet die öffentliche Hand künftig automatisierte Fahrzeuge? Wie entscheidet sie? Und wie bringt sie Projekte aus dem Testbetrieb in den Alltag? Der Tenor: Zusammenarbeit schlägt Silodenken. Und Mut schlägt Komfortzone.
Andreas Fehr, Senior-Projektleiter bei DB Regio Bus und Co-Konsortialführer des EU Horizon Projekts ULTIMO, brachte Praxis ins Spiel. ULTIMO testet großflächig automatisierte On-Demand-Shuttles – eingebettet in bestehende Systeme des öffentlichen Verkehrs – in Herford, Oslo und Genf, mit 23 internationalen Partnern. Unabhängig von diesem Pilotprojekt betonte Fehr:
„On-demand-Shuttles ermöglichen Mobilität für alle. Das Geschäftsmodell funktioniert dann, wenn große Flotten sektorübergreifend und flächendeckend eingesetzt werden. Auch intermodale Reiseketten müssen buchbar sein.“
Fehr präsentierte auch eine Studie der Deutschen Bahn. Den größten Nutzen brächte autonomes Fahren, wenn es in den ÖPNV integriert, dieser ausgebaut und anders strukturiert wird. Eine zentrale Rolle in diesem für 2045 berechneten Szenario spielen selbstfahrende Shuttles. Sie bringen Fahrgäste entweder direkt ans Ziel oder sind Zubringer zum Zug und zu optimierten Buslinien, die schneller und direkter unterwegs sind als heute.
„Wären rund eine Million autonome Shuttles und Busse unterwegs, lägen die durchschnittlichen Wartezeiten der Fahrgäste bis zum Einstieg bei fünf Minuten in Metropolen und bei 13 Minuten im ländlichen Raum. Letzteres wäre 50 Prozent kürzer als jetzt. Die Reisezeiten entsprächen nahezu denen des Pkw, in Metropolen teilweise sogar kürzer“, berichtete Andreas Fehr.
Mit einem derartigen Angebot würden der Studie zufolge mehr Menschen auf ein eigenes Auto verzichten und auf den ÖPNV umsteigen: Der Anteil an der gesamten Verkehrsleistung, die öffentliche Verkehrsmittel erbringen, würde sich auf 35 Prozent mehr als verdoppeln. Für die Gesellschaft wäre der potenzielle Gewinn im Vergleich zur heutigen Situation enorm: Die Belastung durch den Straßenverkehr würde in Städten und Metropolen um bis zu elf Prozent sinken. Gleichzeitig könnte die öffentliche Hand ihre Zuschüsse zum ÖPNV trotz des massiv ausgebauten Angebots um 20 Prozent reduzieren. Möglich wird dies durch technologische Effizienzgewinne und stärkere Nutzerfinanzierung. Autofahrende würden 2045 beim Umstieg auf den ÖPNV durchschnittlich 170 Euro pro Monat sparen.
Genehmigen dauert. Zuständigkeiten bremsen.
Automatisierte Mobilität scheitert selten an Technik. Sie scheitert an Prozessen. Teilweise zu hohe Anforderungen und Unklarheiten im Genehmigungsprozess bremsen. Standards, Transparenz und Motivation zum Mitwirken fehlen. Auch die Barrierefreiheit stellt sich oft als Hürde heraus. An den Haltestellen und in den Fahrzeugen fehlen Hinweise, Hilfen für Blinde und Sehbehinderte sowie Rampen für das Ein- und Aussteigen. Doris Straub, Projektmanagerin im Automobil-Cluster, bringt potenzielle Lösungen auf den Punkt:
„Inklusion muss von Anfang an mitgedacht werden und gelingt nur durch das Zusammenspiel von Innovation und Empathie, die Kombination aus Technik und menschlicher Unterstützung.“
Es braucht Echtzeit-Informationen, beispielsweise mittels Apps, adaptive Technologien in den Fahrzeugen, akustische Signale und Durchsagen, kontrastreiches Design sowie leicht auffind- und bedienbare Notruftasten.
Beim Netzwerkabend im Francisco Carolinum diskutierten Michael Nikowitz vom BMIMI, Martin Schmidt von der Holding Graz, Robert Finzel von Wacker Neuson, Thomas Ziegler von DHL sowie Alexander Kühhas von TTTech Auto mit Doris Straub und Wolfgang Ponweiser vom AIT. Der gemeinsame Nenner: Automatisierte Mobilität ist kein Zukunftsthema mehr.
„Wir haben viele technologische Vorreiter. Dieses Know-how sollten wir nutzen, um nicht gegenüber internationalen Akteuren die Vorreiterrolle zu verlieren“, hieß es.
Angesichts gestiegener Personal- und Energiekosten war sich das Podium einig:
„Wenn wir nicht automatisieren, verliert der Standort. Dann fallen nicht nur Arbeitsplätze weg, dann kann der ganze Standort wegbrechen.“
Dazu bedarf es Kooperation, gegenseitige Unterstützung, ein klares Commitment und Mut aller Akteure.
Am zweiten Tag übernahm SAAM Austria. Im Workshop kartierten die Teilnehmenden die Akteure in Österreich. Sie teilten Erfahrungen und gaben Feedback. Ein Ergebnis zog sich durch alle Beiträge: SAAM Austria wirkt als Enabler, als Plattform, die Partner sichtbar macht und Kooperation beschleunigt. AC-Projektmanagerin Doris Straub erhielt daher ein Nummernschild überreicht, das für Michael Nikowitz vom Bundesministerium für Bundesministerium für Innovation, Mobilität und Infrastruktur (BMIMI) für mehr als Mobilität steht:
„Es steht für unseren gemeinsamen Weg, für Aufbruch, für das Zusammenbringen unterschiedlicher Akteur:innen und für die Dynamik, die entsteht, wenn Kooperation gelebt wird. Ein kleines Objekt mit großer Bedeutung für das, was wir gemeinsam auf die Straße bringen.“
Michael Nikowitz erklärte den Rechtsrahmen und den Implementierungsplan. Die AutomatFahrVerordnung, der Rechtsrahmen für das Testen auf der Straße, wird überarbeitet. Erkenntnisse aus „auto.Ready“ und SAAM Austria fließen ein. Geplant sei auch ein Level 4 Gesetz für den Regelbetrieb auf der Straße statt nur für das Erproben. Nikowitz brachte es auf den Punkt:
„Wir brauchen Regeln, die Betrieb erlauben – nicht nur Erprobung.“
Auf der Agenda stand auch die Initiative Cross-Border Testbed. Die EU will damit automatisiertes Fahren grenzüberschreitend ermöglichen. Mehrere EU Staaten verhandeln bereits.
Einige Projekte, die automatisiertes Fahren auf die Straße bringen, standen ebenfalls im Fokus. Mit ROBERTA gehen automatisierte Busflotten in vier Regionen in Österreich an den Start. „auto.GigaApp“ testet 5G gestütztes Remote Management in Kärnten und der Steiermark. SURAAA Smart Urban Region Austria Alps Adriatic leitet das Projekt. Das Team will Anwendungen für die Fernüberwachung und das Eingreifen entwickeln, der Fokus liegt auf Sicherheit und Qualität. Zwei Use Cases starten im Frühling 2027 mit einem Shuttle von SURAAA auf öffentlicher Straße und dem TORUS Bus von ALP.Lab auf privatem Gelände.
Das FFG Projekt BEFAHRBAR entwickelt eine automatisierte Methodik zur Bewertung, Analyse und Begleitung von Strecken, um den sicheren und skalierbaren Einsatz von autonomen Fahrzeugen (SAE Level 4) im öffentlichen Verkehr zu ermöglichen. Das Team baut einen digitalen Zwilling von Strecken auf Basis von Mobile Mapping Daten, damit Genehmigungen, Risikoanalysen und Betrieb effizient und objektiv erfolgen können. Die heute komplexen und aufwändigen Genehmigungs-, Risikoanalyse- und Betriebsprozesse sollen deutlich einfacher werden und so den Übergang von Pilotprojekten in den Regelbetrieb unterstützen.
JOANNEUM RESEARCH leitet das Projekt, weiters beteiligt sind pdcp, Trafility, ALP.Lab, Virtual Vehicle Research, Verkehrsverbund Ost-Region (VOR) und Salzburg Research.
Zum Abschluss blickte SAAM Austria zurück – und nach vorne. Arbeitsgruppen haben sich formiert und getroffen, Studienreisen, Webinare und Meetings fanden bereits zahlreich statt und sind weiter geplant. Die Community ist auf mehr als 50 Mitglieder gewachsen. Das Positionspapier wird gerade überarbeitet. Ein Akteursmapping, Herausforderungen für die verschiedenen Arbeitsgruppen sowie eine Roadmap zur automatisierten Mobilität in Österreich werden noch heuer erscheinen. Doris Straub fasst zusammen:
„Dieses Meeting hat gezeigt, wie viel Know-how in Österreich steckt – und dass wir automatisierte Mobilität nur gemeinsam realisieren. Automatisierte Mobilität entscheidet sich nicht im Labor. Sie entscheidet sich im Zusammenspiel von Recht, Technik, Betrieb und Vertrauen. Oder anders gesagt: Jetzt ist die Zeit, sie auf die Straße zu bringen.“